Lost in Shanghai - oder wie ich 300 Kilometer die Stunde fuhr

Da war ich nun, nach 12 Stunden Flugzeit und keiner Sekunde Schlaf, völlig verloren vor dem Ausgang der Metro in der Mitte einer ganz ganz großen Stadt.
Man hätte ja einen Flughafentransfer buchen können. Einen kleinen, freundlichen Chinesen mit einem Schild, der einem an die Hand nimmt und den Weg weist... Aber nein, natürlich hört man ja lieber auf seinen Freund, der einen sagt, man müsse uuunbedingt einmal mit diesem Bullet-Train fahren. Dieser hat sich für mich dann nach einem erstaunlich einfachen Check-out-Prozedere als Maglev train entpuppt. Schwuppdiwupp gings erstmal durch die Sicherheitskontrolle des Gepäcks um gleich darauf festzustellen, dass der Ticketschalter noch irgendwo davor zu finden war. Macht ja nix, sind ja alle ganz lieb und helfen der vertrottelten Touristin, die trotz Brille nix zu sehen scheint. 50 Yuan (ungefähr 6 Euronen und ein paar Zerquetschte) später hatte ich dann auch mein Single-Ticket. Na dann kann´s ja losgehen. Falsch! Vorerst muss noch hinter einem roten Absperrband gewartet werden, so eins mit Kordeln wie auf einer Gala. Schnell mal noch bei dem französischen Pärchen nebenan versichert, ob ich auf der richtigen Fährte sei. Ja ja, ich müsse einfach bis Ende mitfahren und dann die Linie zwei bis in die Stadt nehmen. Klingt ja ganz simpel. Nach 10 Minuten war es dann auch soweit, der Hochgeschwindigkeitszug durfte geentert werden. Wie aufregend! Im Nachhinein betrachtet erscheint es gar nicht so schnell. Nur im Vergleich zu den Autos auf der anderen Seite der Scheibe kommt man eben bedeutend schneller voran. Pünktlich um die angezeigte Geschwindigkeit von 300 Km/h für die Nachwelt festzuhalten gibt natürlich der Kamera-Akku den Geist auf.
Das war dann das erste mal an diesem Tage, dass ich meine Sträubungen gegen die Anschaffung eines Smartphones überdacht habe.
Draussen vor dem Fenster ziehen die Outskirts von Shanghai vorbei. Viele, viele eckige Betonbauten und dazwischen eine gothisch anmutende Kirche. Eine Minute weiter sind dann weitere kleine Betonhäuser zu sehen, nur dass die aussehen, wie wenn gerade erst ein Wirbelsturm durch die Gegend gezogen wäre. Da fehlen ganze Häuserwände und die Dächer. Vollgestopfte Wäscheleinen zwischendrin beweisen aber - da lebt noch einer drin. Aus Gründen des Platzmangels oder der Armut, ich muss zugeben, ich weiss es nicht. Nach gefühlten 5 Minuten sind wir dann aber auch schon am Ende der lustigen Fahrt. Alle aussteigen, bitte.
Geistesgegenwärtig orientiere ich mich an europäisch aussehenden Touristen und einem Schild mit "Linie 2" drauf. Wie sich zeigt, war das auch die richtige Entscheidung. Nach einigem Geplängel mit meiner Metro-Karte, die spontan nicht funktionieren wollte, bin ich dann auch im richtigen Zug gelandet. Uff. Gottseidank gibt es auch Haltestellen-Ansagen auf Englisch. Um mich herum nur einheimische Gesichter, alle vertieft in ihre Smartphones, I-Pad und weiss-der-Henker-was. Ja klar, denke ich, sieht aus wie in Berlin, nur in chinesisch. Als nach einer Weile immer noch nicht meine Haltestelle angesagt wird, werde ich nervös. Ruhig Blut, dann wird eben im Zweifelsfalle ein Taxi genommen. Aber ich habe Glück. Es stellte sich heraus, dass die Station an der ich spontan rausbringen wollte auch noch diejenige welche war.

Von hier kann ich mich ganz lässig in den Strom des kleinen, geschäftigen Volkes reihen - oder eben auch nicht. Tatsächlich scheint es in China nicht Gang und Gebe zu sein, sichtbare Tattoos zu tragen. Jedenfalls sieht es so aus, als würde mein geschmücktes Dekoletté für einigen Aufruhr sorgen. Von abweisend bis interessiert, da ist an Blicken alles dabei. Dann kommt da jetzt noch der Teil, indem ich mir ein zweites Mal wünsche, ich hätte eins dieser neumodischen Handys dabei. Nämlich um mir den Weg zu ergoogeln.
Draussen erwartet mich nämlich eine riesige Welt, alles hier erscheint supersize. Also das komplette Gegenteil von mir. Nochmal tief durchgeatmet, dem Freund per Telefon das Leid geklagt und dann einfach mal losgelaufen. Wie sich 100 Meter weiter auf einer Stadtkarte herausstellte, war der Richtungsgedanke gar nicht mal so falsch. Ja, ich muss sogar zugeben, dass ich meinen Orientierungssinn mein Leben lang zu unrecht als schlecht beschimpft habe! Der arme Kerl war einfach nur schüchtern!! Jetzt war er nämlich da, einsatzbereit und zur Stelle und brachte mich dann doch Zielsicher zu meinem Hostel. Hindurch durch Uringestank und dem wahnsinnigen Strassenverkehr der City.

Hält sich hier eigentlich nur ein Einziger an die Strassenverkehrsordnung? Oder wird dann doch lieber nur gemacht, was man für das Beste hält?! Wo ich mir in anderen Teilen der Welt noch sicher bin, dass niemand mich einfach so rücksichtslos überfahren würde, da hege ich hier schon gewisse Zweifel. Ob Fahrrad, Roller oder Bus, es wird geradewegs drauf los gefahren, egal welche Farbe die Ampel zeigt. Der Fußgänger muss plötzlich kreativ mitarbeiten und sich seine Route durch die Autos auf die andere Strassenseite suchen, Zebrastreifen und Fußgängerampel hin oder her.

Angekommen im Hotel wird einem erstmal bewusst, wie sehr Shanghai mit dem Platzmangel zu kämpfen hat und wie klein der entsprechend vorgesehene Raum für die einzelne Person doch ist. Eine Hutschachtel wäre wahrscheinlich größer als mein Zimmer, in welches ein Bett, ein kleiner Schrank und Bad in solch einer Art und Weise angebracht wurden, dass es den Machern von Tetris alle Ehre gemacht hätte. Das sogenannte Badezimmer hatte die Ausmaße eines kleinen Kleiderschrankes, man hatte den Anschein, die Toilette ginge nahtlos in Waschbecken und Dusche über. Deutlich fiel hier auch das Schild an der Wand auf, das dem werten Besucher verkündete doch bitte das benutzte Klopapier nicht in die Toilette, sondern in einen dafür vorgesehenen Eimer zu werfen. Mhhhmmmm. Als eitler Euröpäer hatte ich das erstmal gekonnt ignoriert und für nicht so wichtig empfunden. Konnte sowieso nur ein Scherz sein, oder?! Nicht wirklich. Einmal rausgegangen zu einem kleinen Erkundungstrip merkte ich schnell, dass ich sogar dankbar für meine kleine Toilette sein konnte, die im Vergleich zu den obligatorischen Löchern im Boden doch sehr hygienisch und luxeriöus wirkte. Natürlich waren auch hier die Eimer zu finden, nur diesmal überquillend und mit deutlichen Spuren der Hinterlassenschaften meiner Vorgänger. Genauer möchte ich darauf jetzt nicht eingehen. Ich selbst würde mich ja nicht unbedingt als penibles Mädchen bezeichnen, aber das war mir dann nun wirklich erstmal zu viel. So sehr, dass ich es mir trotz äußerster Kawallierblase (Meine Freunde wissen, wovon ich hier rede!) noch an die 2 Stunden verdrückt habe für kleine Königstiger zu gehen. Entsprechend stand es mir dann aber auch Oberkante Unterlippe...

Aber genug von den körperlichen Bedürfnissen und zurück zu einer Stadt wie keine Zweite. So laut und stinkend und völlig rücksichtslos durchgedreht es auch zugehen mag - ich hab mich ja irgendwie ein bisschen verliebt. Insbesondere in die unzählige alten Muttchen und Opa´s, die sich öffentlich und ohne falsche Scheu dem TaiChi und anmutigen Tänzen widmeten. Obgleich man den Fortschritt und die Moderne in Shanghai nicht ignorieren kann, strömt einem doch aus allen Enden und Ecken das Traditionelle entgegen.
Und noch etwas: Hemmungen hat dieses Volk ja nun gar nicht. Es wird nicht nur auf den Bürgersteig gespuckt, nein, es wird richtiggehend gerotzt. Da wird der Mist schön geräuschvoll und von ganz tief unten hochgezogen! Auch das öffentliche Urinieren scheint man hier nicht so ernst so nehmen. Mehr als einmal fielen mir auch Leute auf, die laut klatschend vor sich hin liefen. Meine Vermutung, und ich bitte um Korrektur sollte ich falsch liegen, damit wird das Chi entfacht bzw. irgendwelche Akupressurpunkte aktiviert.

Diese Punkte und noch ganz andere Stellen wurden bei mir jedenfalls am zweiten Tag zum klingeln gebracht, bei einer wunderbaren und sehr intimen chinesischen Ganz-Körper-Massage. Auch hier ist die Hemmung wieder völlig fehl am Platze. Mein 5-Sterne-Massage-Therapeut ist jetzt jedenfalls auf Du mit meinem Hintern. Ich weiss, ich weiss, nicht jeder lässt sich da von einem Fremden so unverblümt rangrapschen, aber ach - wer einmal eine richtige Arsch-Massage hatte, will nie wieder was anderes. Natürlich wurde sich aber nicht nur auf dieses eine Körperteil konzentriert. Mein ganzer Körper wurde durchgeklopft, geknetet und die innere Energie wieder in Wallung versetzt. Sogar Kopf, Finger und die Ohren wurden nicht ausgelassen. Mein Fazit: Auf alle Fälle bei Gelegenheit mal ausprobieren, für umgerechnete 15 Euro für 60 Minuten auch zum absoluten Schnäppchenpreis.

So entspannt wie ich nun war, so abgekämpft war ich dann aber auch eine Stunde später. Natürlich sollte man immer gepflegt darauf achten, sein Hab und Gut in einem ordentlich verschlossenen Tragetasche aufzubewahren. Ob nun aus purer innerer Harmonie oder einfach dusseliger Vergesslichkeit, ich jedenfalls habe den Reissverschluss meines Rucksackes in diesem Moment nicht völlig weider zu gemacht, nachdem ich von normaler zu Sonnenbrille gewechselt hatte. Auf Aktion folgt Reaktion und so habe ich dann eine halbe Stunde später im Hostel, 5 Minuten vor der Deadline für´s Auschecken übrigens, feststellen müssen, das mein rotes Ray-Ban-Etui samt Ray-Ban-Brille abhanden gekommen sind.
Normalerweise schere ich mich nicht um Markennamen, musste es aber an dieser Stelle noch einmal verdeutlichen, um den werten Leser nicht nur den schmerzlichen, sondern auch den finanziellen Verlust nahe zu bringen. Autsch. Eine halbe Stunde und einen schweißtreibenden Sprint samt 17 Kilo auf Rücken und Schultern später war mit Sicherheit klar, dass die geliebte Brille nicht mehr auftauchen würde. Da ist es auch kein Trost, dass die in weiser Voraussicht mitgenommene Zweitbrille entsetzlich locker sitzt und völlig verkratzte Gläser hat. Auf der anderen Seite sehe ich es aber positiv. Ich wollte sowieso schon die ganze Zeit mal eine neue Brille ohne die obligatorische Ray-Ban-Prägung. Jetzt habe ich wenigstens einen triftigen Grund.

>p>Das war er also, mein Shanghai-Aufenthalt. Selbstverständlich bin ich noch wohlvehalten, todmüde und gestresst am Flughafen angekommen, eingequetscht in der Metro zwischen hunderten von Menschen, die einen nicht mal freiwillig aus dem Zug wieder rauslassen wollen. Von dem übrig gebliebenen 200 Yuan habe ich mir dann noch ein ordentliches Gericht und Lippenpflege für 10 Euro (Kiehl´s Lipbalm Nr. 1 aus Amerika!!) gegönnt und mir noch die ein oder andere Nascherei für den Flug besorgt.

Im Übrigen stellte sich bei einem Gespräch mit meinem Vater heraus, dass doch tatsächlich kurz vor meinem Besuch Shanghai von einem Wirbelsturm heimgesucht wurde. So ist das eben, man bereist die Welt, hat aber immer noch keine Ahnung, was eigentlich darin überhaupt vor sich geht. Damit ende ich nun erstmal dieses erste Kapitel und freue mich viel mehr auf den bevorstehenden Trip von Süden nach Norden durch Südostasien - i´ll keep you informed. :-)

6.11.13 15:08

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